Sounding Soil: (Er-)hört endlich den Boden!

Ein lebendiger, gesunder Boden ist die Grundlage für unsere Nahrung. Da wäre es eigentlich schlau, auf seine Bedürfnisse zu hören und ihm Sorge zu tragen, oder? Für viele Menschen bleibt das Erdreiche jedoch eine unbekannte Grösse und wird meist eher mit „Dreck“ assoziiert, denn als facettenreicher Lebensraum gesehen.

Dank dem wunderbaren Projekt Sounding Soil kannst Du den Boden jetzt über Deine Ohren kennen lernen! Du wirst dabei sofort begreifen, dass ein gesunder Boden genauso lebt und atmet wie wir : )

 

 

SOUNDING SOIL

EINE EINZIGARTIGE KLANGREISE INS INNERE DES ERDREICHS

Interview mit den Projektleiterinnen Sabine Lerch und Marilena Schumann

Wer ist denn überhaupt auf die Idee gekommen, den Boden „abzuhören“? Eine Gärtnerin? Ein Mediziner? Oder gar der Geheimdienst?

Ach, soo geheimnisvoll war’s nun doch nicht! Biovision stiess durch einen Zeitungsartikel auf Marcus Maeder, ein Künstler und Forscher, der mit Baummikrofonen den Hitzestress von Bäumen hörbar machte. Dabei kam uns die Idee, in den Boden abzuhören, um damit auch die Bodentiere hörbar zu machen. Also nahmen wir Kontakt mit Marcus Maeder auf, der ein paar Tage davor lustigerweise die genau gleiche Idee gehabt hatte. Die ersten Hörversuche verliefen sehr vielversprechend und wir entschieden uns, ein gemeinsames Projekt zu starten. Daraus entstand Sounding Soil.

Gibt dem Boden eine Stimme: Sounding Soil.

Das Projekt ist weltweit bisher einzigartig, oder?

Ja, wir sind weltweit die ersten, die auf diese Weise die Geräusche der Bodentiere an die Oberfläche holen. Einzigartig ist vor allem die Kombination aus der wissenschaftlichen Erforschung der Bodentöne, der Sensibilisierung für einen gesunden Boden und der künstlerischen Auseinandersetzung mit den Aufnahmen. Durch Sounding Soil sind wir nun mit Personen in Kontakt gekommen, die ähnliche Ideen verfolgen, was natürlich spannend ist.

Der Ansatz, Tonaufnahmen zu verwenden, um Beziehungen und Prozesse in der Umwelt zu untersuchen, ist übrigens relativ neu. Man nennt diesen Forschungszweig «Ökoakustik». Denn praktisch jeder Organismus produziert Schallwellen, zum Beispiel durch seine Bewegungen oder durch Kommunikation. Wir können also hören, was ein Organismus tut und dies für die Forschung nutzen.

Wird Sounding Soil von der Forschung ernst genommen oder gilt es eher als „Spinnerei“?

In der Wissenschaft müssen sich neue Forschungsansätze natürlich zuerst beweisen, bevor sie wirklich anerkannt werden. Die Ökoakustik ist eine recht junger Forschungszweig. Die ersten Wissenschaftler bzw. Ökoakustiker haben in den 1960er Vogelstimmen aufgenommen und ausgewertet. In den letzten Jahren hat sich dieser Forschungsfeld erweitert und etabliert. Das Erforschen der Bodentöne ist so jung, dass es noch etwas Zeit und weitere Forschungsarbeiten braucht. Daher ist es spannend, dass das Interesse von Wissenschaftler*innen aus verschiedensten Forschungsgebieten an Sounding Soil gross ist.

Und wie ist das Echo in der Öffentlichkeit?

Das Interesse an Sounding Soil ist sehr gross! Nach der Lancierung des Projekts im Herbst 2018 erschienen rund 25 Medienberichte. In den Folgemonaten wurde ebenfalls viel über unser Projekt berichtet, auch in Deutschland. Die Wissenschaftssendung «Einstein» vom Schweizer Fernsehen strahlte sogar eine Sendung zu Sounding Soil und Ökoakustik aus. Das grosse Medienecho führte dazu, dass im Frühling 2019 unsere ausleihbaren Aufnahmegeräte bereits für das ganze Jahr ausgebucht waren. Und auch dieses Jahr ist das Interesse an Citizen Science sehr gross: Die Aufnahmegeräte sind wiederum bis Oktober ausgebucht.

Auch die von Marcus Maeder entwickelte Soundinstallation stösst auf grosses Interesse. Die Installation ist begehbar und vermittelt das Gefühl, sich im Boden zwischen Wurzeln und Tieren zu befinden. Man kann das ungemein vielfältige Leben im Boden belauschen und kann Unterschiede zwischen verschiedenen Böden erkennen: Ein gesunder Boden mit einer hohen Biodiversität tönt vielfältiger. Wir sind mit der Soundinstallation und weiteren Angeboten bei Anlässen und Ausstellungen dabei. Das Interesse kommt sowohl von Nachhaltigkeitsveranstaltungen als auch von Landwirtschaftsanlässen und Musikveranstaltungen.

Je komplexer ein Boden tönt, desto grösser ist die Vielfalt an Lebewesen, die in ihm leben.

Wo seid Ihr überall aktiv?

Soundkarte der Schweizer Böden

Sounding Soil ist zur Zeit noch ein nationales Projekt. Wir beschränken uns auf die Schweizer Böden und somit auch bei Citizen Science auf die Schweiz. Wir bekommen aber immer wieder Anfragen aus dem Ausland. Besonders gross ist das Interesse zu der Technik des Mikrofons und des Aufnahmegeräts. Dies sind Eigenentwicklungen der ZHdK und somit weltweit einzigartig. Leider haben wir aber bisher nicht die Kapazität, unsere Aufnahmegeräte auch ins Ausland zu verleihen bzw. die Geräte werden nur innerhalb der Schweiz verschickt (Anm. von Fougerette: Wir dürfen ein Gerät für Which?Garden ausleihen und nehmen es  selber mit nach Frankreich und wieder zurück in die Schweiz. So klappt es auch mit Aufnahmen im Ausland : )

Ziel ist es, in 1-2 Jahren ein marktfähiges Aufnahmegerät zu haben. Auch Naturpärke und ähnliche Institutionen interessieren sich übrigens für das Projekt. So sind die Bodentöne z.B. Teil einer neuen Ausstellung im Wildnispark Sihlwald. Mit GLOBE Schweiz stehen wir in Kontakt, um für das Programm LERNfeld gemeinsame Lernaktivitäten rund um die Geräusche aus dem Boden zu erarbeiten. Und auch viele Lehrer*innen interessieren sich für Sounding Soil, weil sie mit ihren Klassen gerne in den Boden hören möchten.

Sounding Soil untersucht auch den Einfluss von Lärmverschmutzung auf Bodenökosysteme.

Welche Erkenntnisse versprecht Ihr Euch von den „Hörproben“?

Es gibt verschiedene Ansätze. Dabei kommt es auch auf die verschiedenen Kooperationspartner an. Das macht das Projekt so vielseitig.

Die Stiftung Biovision nutzt die Bodengeräusche vor allem, um die Öffentlichkeit für einen guten Boden zu sensibilisieren. Denn dieser ist nicht einfach nur tote braune Erde, sondern ein lebender Organismus, ohne den die Menschheit nicht existieren können. Wie schon in Eurem Beitrag Auf dem Boden der Tatsachen erwähnt, befinden sich in einer Handvoll Erde bereits mehr Organismen, als es Menschen auf der Erde gibt. Dies ist eine unvorstellbar grosse Zahl. Aber jeder dieser Organismen hat eine bestimmte Aufgabe und trägt dazu bei, dass der Boden das ist was, er ist: Grundlage des Lebens!

Genau aus diesem Grund muss der Boden mit all seinen Bodenorganismen geschützt werden. Biovision möchte dem Boden eine Stimme geben und das Bewusstsein der Bevölkerung für dieses wichtige Ökosystem stärken. Mit diesem Ansatz erhoffen wir uns in erster Linie nicht Erkenntnisse nur für uns, sondern für alle, die sich mit dem Boden auseinander setzen möchten. Wir möchten Faszination wecken für diesen so unbeachteten Lebensraum.

Gibt es bereits erste Auswertungen und wenn ja, was zeigen diese?

Bei Sounding Soil interessiert uns, wie viele unterschiedliche Geräusche in einer Tonaufnahme zu hören sind. Denn die ersten Forschungsresultate zeigen, je komplexer ein Boden tönt, desto grösser ist die Vielfalt an Lebewesen, die in ihm leben, die Biodiversität also hoch ist.

Ebenso zeigen die Resultate, dass unterschiedlich genutzte Böden unterschiedliche tönen. Und dass auch die Jahreszeit, die Temperatur und die Bodenfeuchtigkeit eine Rolle spielen. Die Anzahl der bisherigen Proben ist aber noch zu gering, um allgemeingültige Resultate zu erhalten. Darum werden im 2020 und 2021 weitere Böden akustisch untersucht und mit herkömmlichen Untersuchungsmethoden verglichen.

Bis Ende 2021 sollen die gewonnen Resultate zeigen, ob sich akustische Bodenaufnahmen eignen, um zukünftig die Aktivität der Lebewesen und die Biodiversität im Boden einfach und schnell messen zu können. Ist dies der Fall, könnten solche Aufnahmen zukünftig als Monitoring-Werkzeug eingesetzt werden.

Dann interessiert sich bestimmt auch die Forschung für Eure Ergebnisse, oder?

Ja, Sounding Soil ist auch für die Forschung interessant. In der Ökoakustik werden Tonaufnahmen verwendet, um Beziehungen und Prozesse in der Umwelt zu untersuchen. Innerhalb von Sounding Soil untersuchen eine Doktorarbeit sowie Bachelor- und Masterarbeiten verschiedene Aspekte. Bisher gibt es ein veröffentlichtes Paper mit dem Titel So klingt Biodiversität.

In der wissenschaftlichen Abhandlung von Marcus Maeder und weiteren Verfassern wird der Zusammenhang zwischen Tönen und der Biodiversität unter der Erde sowie der Einfluss von Lärmverschmutzung auf Bodenökosysteme diskutiert. Zur Zeit arbeiten wir an einem zweiten Paper zu den Resultaten der Langzeitexperimente. Zudem ist eine Masterarbeit im Abschluss, die die Wirkung unserer Sensibilisierungsaktivitäten beleuchtet. Die Ergebnisse liegen aber leider noch nicht vor.

Als Projektleiterinnen habt Ihr sicher auch viel Neues über den Boden gelernt. Was hat Euch dabei am meisten überrascht?

Überraschend für uns war, wie sehr man den Boden hört d.h. wie plötzlich man das Leben unter der Erde auf eine ganz neue Art und Weise erleben und wahrnehmen kann. Besonders die ganzen verschiedenen Töne sind erstaunlich und faszinierend. Das ist für uns beide übrigens ein ganz wichtiger Aspekt. Kleine Insekten und Bodentiere werden von vielen als eklig empfunden. Den wenigsten Menschen ist dabei bewusst, wie wichtig diese Tiere sind. Und dementsprechend, wie wichtig auch ihr Lebensraum, der Boden ist.

Wir hoffen deshalb, dass Sounding Soil auch mehr Sympathie für Krabbeltiere schafft!

 

Ganz herzlichen Dank für das spannende Interview, Sabine und Marilena! Wir wünschen Euch weiterhin viel Erfolg und vor allem, dass Sounding Soil dazu führt, dass unsere Böden mehr geschätzt und geschützt werden.

 

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END OF INTERVIEW

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Sounding Soil – die Projektleitung

Hallo, ich bin Sabine Lerch! Ich habe Biologie studiert und koordiniere seit Juli 2019 das Programm Schweiz und bin als Projektleiterin für Sounding Soil zuständig. Hier kann ich meine Erfahrungen in der Umweltbildung mit meinem Interesse an den Auswirkungen unseres Verhaltens auf die Umwelt verbinden. Die Natur hat mich schon früh fasziniert. Als Kind waren es spannende Ausflüge zu Bächen und Weihern, Rettungsaktionen für Frösche und morgendliche Vogelexkursionen. Heute faszinineren mich vor allem die Zusammenhänge und Wechselwirkungen in den verschiedenen Ökosystemen.

 

Hallo, ich bin Marilena Schumann! Gerne erzähle ich etwas über meinen Hintergrund. Studiert habe ich Geologie. Trotz meines bereits vorhandenen Wissens über unsere Natur, Umwelt und die Wichtigkeit von Nachhaltigkeit in allen Bereichen unseres Lebens hat mir mein Studium die komplexen, sehr aufwändigen und vor allem langwierigen Prozesse unserer Natur verdeutlicht. Dies hat dazu geführt, dass ich mich entschieden habe, in die Umweltbildung zu gehen. Ich möchte mein Wissen weiter geben und sensibilisieren für ein besseres Zusammenleben von Mensch und Natur.

 

 

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Sounding Soil – welche Partner sind beteiligt?

Das Projekt Sounding Soil ist eine Kooperation verschiedener Institutionen der Schweiz:

 

Biovision – eine Zukunft für alle, natürlich

Biovision ist eine Stiftung für ökologische Entwicklung, die sich sich primär in Afrika engagiert, denn in der Subsahara leben ein Viertel der weltweit hungernden Menschen. Biovision fördert seit 1998 die Entwicklung, Verbreitung und Anwendung von nachhaltigen ökologischen landwirtschaftlichen Methoden, mit denen Menschen in Entwicklungsregionen sich selber helfen können. Dabei spielt der ganzheitliche Ansatz eine zentrale Rolle: Gesunde Menschen, Tiere, Pflanzen und eine intakte Umwelt sind Ziel in allen Projekten. 2013 wurde die Stiftung Biovision, zusammen mit ihrem Gründer Hans Rudolf Herren, einem führenden Experten für nachhaltige Landwirtschaft, mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet.

Wer die Arbeit von Biovision unterstützen möchte, bitte HIER KLICKEN : ))))

 

Gesunde Böden – das solltest Du wissen

Gesunden Böden kommt eine Schlüsselfunktion zu, weil sie unverzichtbare Leistungen erbringen: Bodenökosysteme filtrieren, speichern und regulieren Wasser, bieten Lebensraum für unzählige Bodenorganismen, stellen Nährstoffe für Pflanzen zur Verfügung und sind zudem in der Lage, toxische Stoffe abzubauen und CO2 zu speichern. Nachhaltig bewirtschaftete Böden haben eine höhere Widerstandskraft, können sich besser an neue klimatische Bedingungen anpassen und helfen, Treibhausgase zu reduzieren.

Demgegenüber hat der Verlust von gesunden Böden in den letzten Jahrzehnten dramatisch zugenommen. Besonders die intensive Bewirtschaftung macht unseren Böden zu schaffen. Monokulturen, mineralische Dünger, synthetische Pestizide und der häufige Einsatz schwerer Maschinen können das Bodengefüge zerstören, laugen die Böden aus und vergiften das natürliche Ökosystem.

Auch die Auswirkungen des Klimawandels spüren wir bereits heute. Unwetter und Überschwemmungen nehmen von Jahr zu Jahr zu. Fruchtbare Böden erodieren zunehmend. Auch unser Konsumverhalten verlangt dem Boden einiges ab. Der steigende Fleischkonsum und Food Waste verschlingen wertvolle Landflächen, die oft viel effizienter und nachhaltiger genutzt werden könnten.

Mehr über den Boden als Lebensraum kannst Du auch im Beitrag Auf dem Boden der Tatsachen nachlesen.

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