Von Hand- und Schuhwerk

Eva Kirchhofers Schuhmacherei ist stadtbekannt, sie selber so etwas wie eine Zürcher Institution. Als Freigeist und passionierte Köchin schätzt sie Fougerette für gelegentliche Seitensprünge in ein geruhsames Landleben – und wir ihr grosses Herz und exzellenten Kochkünste. Aufzeichnung eines munteren Geplauders.


Eva, in Frankreich gibt es seit dem 1. Januar 2021 den sogenannten indice de réparabilité (Reparaturindex). Dieser soll Konsument*innen helfen, nachhaltigere d.h. besser reparierbare Produkte zu wählen. Wäre so ein Index auch was für Schuhe?

Ich würde das begrüssen. Da liegt nämlich einiges im Argen.

Aber Schuhe kann man doch reparieren, oder?

Das kommt ganz darauf an. Lederschuhe auf jeden Fall, die kann man sehr lange wieder flicken und in Form bringen. Doch ganz viele Schuhe sind heutzutage aus Plastik und dann oft auch noch aus einem unheiligen Mix aus reinster Petrochemie. Solche gemischten Materialien lassen sich wegen der darin enthaltenten Weichmacher nicht kleben, die kann man nur entsorgen. Dabei steckt in solchen Schuhen viel graue Energie.

Nachhaltiger wäre also Leder?

Aus Sicht der Nachhaltigkeit ist Leder eindeutig die bessere Wahl – wenn man es bewusst auswählt. Wenn ich das sage, führt das allerdings immer wieder zu Diskussionen. Mich erinnert das jeweils an den veganen «Convenience Food», der mit viel Energie fleischlos hergestellt wird. Geht das wirklich auf? Für mich sehr fragwürdig. Pro & contra Fleisch, dieselbe Debatte wiederholt sich bei der Diskussion pro & contra Leder.

Und was für Leder wird denn in der Schuhindustrie verarbeitet?

Da gibt’s fraglos riesige Unterschiede bei der Lederqualität und damit auch bezüglich des Tierwohls. Für mich selber ist klar: Ich verarbeite nur hochwertiges Leder von männlichen Bio-Kälbern, die möglichst pflanzlich gegerbt und gefärbt sind.

Die «Muneli» eignen sich also besser?

Ja. Das hat mit der Faserung zu tun. Das Leder zukünftiger Mutterkühe muss dehnbar sein, deshalb ist es für die Verarbeitung zu weich.

Interessant. Gibt es noch andere Qualitätskriterien?

Dass das Tier langsam gewachsen ist. Dadurch fallen Tiere aus Masthaltung weg, denn bei der Mast wird das Fasergefüge viel zu lose, ähnlich wie bei Cellulite oder Schwangerschaftsstreifen. Massentierhaltung fällt ebenfalls weg, weil die Tiere sich dabei schnell verletzten und jede Verletzung einen Schaden am Leder bedeutet (z.B. von Kämpfen, Parasiten, Verletzungen durch Stacheldraht etc.). Auch das Klima spielt eine Rolle. Deshalb kommen alle meine Leder aus dem mitteleuropäischen Raum.

Gute Tierhaltung = gutes Leder, kann man das so zusammenfassen?

Absolut. Die Tiere werden extrem gut gehalten, weil nur so auch die Lederqualität gut ist. Das wissen aber die wenigsten Konsument*innen.

Da habe ich ehrlich gesagt auch noch nie darüber nachgedacht. Jetzt frage ich mich natürlich: Woran kann ich beim Schuhkauf hochwertiges Leder erkennen?

Das ist leider nicht immer so eindeutig und kommt auch auf die Farbe des Leders an. Bei schönen, naturgefärbten Leder gilt all das, was ich vorgängig erklärt habe, denn dort ist jeder Schaden sofort offensichtlich. Bei dunklen bzw. schwarzen und weissen Ledern, die glänzen, lassen sich Mängel hingegen gut mit Farbe kaschieren.

Heute tragen viele Menschen fast nur noch Turnschuhe. Wie sieht es damit aus?

Da muss man aufs Material schauen. Sind sie aus Stoff oder Leder? Bei Turnschuhen aus Leder oder DocMartens beispielsweise ist soviel Farbe drauf, dass auch sehr minderwertiges Leder aus schlechter Tierhaltung benutzt werden kann. Lederschäden werden dort ganz einfach mit einer Schicht aus Polyvinylchlorid (PVC)-Farbe überdeckt. Alle Turnschuhe oder auch sehr glänzende Schuhe haben meist eine solche PVC- oder Polyurethan (PU)-Schicht – und beides wird aus Erdöl hergestellt. Wem Nachhaltigkeit am Herzen liegt, der sollte grundsätzlich die Finger von solchen Schuhen lassen.

Was hältst Du denn von veganen Ledern z.B. aus Kaktus?

Die meisten veganen Schuhe sind aus PU – und das ist nichts anderes als Bauschaum. Das kann ich niemandem empfehlen. Als vegane Alternativen sind sowohl Ananas- als auch Kaktusleder sehr interessant. Auch gewachste Baumwolle und Kork eignen sich, letzterer ist allerdings sehr brüchig. Insgesamt lässt sich sagen, dass sich bezüglich veganer Materialien im Moment sehr viel tut. Sogar Papier kommt zum Einsatz, das funktioniert aber vorläufig nur bei Taschen.

Nachhaltigkeit im Kopf, aber Bauschaum an den Füssen? Klingt nach Augenwischerei.

Ist es auch. Den wenigsten Konsument*innen ist das bewusst.

Und wie sieht es bei den Schuhsohlen aus?

Als Schuhmacherin habe ich mit vielen verschiedenen Materialien für Sohlen zu tun. Leider wird da auch oft Plastik verwendet, allen voran wieder PVC und PU. Da ist extrem viel Kunst-Gugus aus der Petrochemie d.h. aus fossilen Kohlenstoffverbindungen dabei. Für vulkanisierte Gummisohlen wie z.B. die Vibramsohle von einem Wanderschuh wird teilweise auch noch Bitumen aus dem Strassenbau beigemischt, damit der Abrieb besser bzw. die Sohle länger haltbar ist.

Woraus wären denn nachhaltige Schuhsohlen?

Aus Leder, Gummi (vulkanisierter Kautschuk) oder Rohgummi (unvulkanisierter Kautschuk). Gummi wird durch die Vulkanisierung lichtecht, wärmebeständig und auch lösungsmittelresistent; bezüglich Verarbeitung und Langlebigkeit ist das ein grosses Plus. Wie überall ist es ein Abwägen zwischen verschiedenen Anforderungen, denn «die» ideale Lösung gibt es nicht. Gummisohlen sind trotz einiger Abstriche das Nachhaltigste, wobei alle drei Materialien natürlichen Ursprungs, schadstofffrei und wiederverwendbar sind d.h. es sind geschlossene Materialkreisläufe möglich.

Gutes Stichwort! Um geschlossene Materialkreisläufe geht’s auch bei der Balade Circulaire, unserem neu eröffneten Lehrpfad im Park von Fougerette. Schon lustig, da wollten wir über Schuhe reden und sind stattdessen bei Nachhaltigkeit und Materialkunde gelandet…

Das geht für mich Hand in Hand. Das Verrückte ist: Es gibt richtig schöne Schuhe mit wunderbaren Oberledern, wunderbar aufgebauten Ledersohlen – die Laufsohle ist dann aber eben doch aus PVC anstatt aus Gummi. PVC ist Plastik und das rutscht halt. Viele Marken sparen schlussendlich bei den Absätzen oder vorne bei der Sohle. Wir sprechen da von Kosteneinsparungen im 10-Rappen-Bereich. Bei einem Verkaufspreis von CHF 450 ist das eigentlich völlig absurd.

Stimmt. Doch jetzt ein thematischer Schlenker: Es gibt Menschen, die lesen im Kaffeesatz oder der Handfläche. Liest du sozusagen «aus der Schuhsohle»?

Hat ein offenes Ohr für alle: Eva Kirchhofer

Ein Schuh verrät tatsächlich so einiges über seinen Träger, seine Trägerin. Als gelernte Orthopädin interessieren mich da vor allem mögliche Fehlstellungen oder Probleme. An den Schuhen kann man ablesen, wo bzw. wie jemand im Leben steht.

Das führt mich zu deinem inoffiziellen Zweit-Job: Der Seelsorge

(lacht) Du meinst, weil ich im Kreis 4 arbeite?

Die Lage hat vielleicht schon etwas damit zu tun. Ich spreche davon, dass sich bei dir Banker und Obdachlose die Tür in die Hand drücken.

Ja, und das passt so. Das Leben hat viele Facetten und jeder braucht mal ein offenes Ohr. Wobei es schon Tage gibt, wo die Balance in Schräglage gerät. Ich bin ja zum Arbeiten im Laden, meinen Lebensunterhalt bestreite ich mit der Schuhmacherei.

Früher hast du auch Lehrlinge angenommen. Vorwiegend Frauen, aber auch Flüchtlinge hast du angelernt.

Ich bilde gerne aus und teile mein Wissen. Gleichzeitig ist so ein Lehrling eine grosse persönliche und finanzielle Investition, denn gerade im ersten Lehrjahr steckt man wesentlich mehr in die Ausbildung, als dabei an Unterstützung oder Entlastung herauskommt.

Im Moment arbeitest du alleine.

Ja, im Moment kann ich mir keinen Lehrling leisten.

Hat das mit Corona zu tun? Man spricht doch immer davon, dass Handwerk goldenen Boden habe…

Von einem goldenen Boden war während dem Lockdown nichts zu spüren*. Aber ich bin in meinem Leben bisher immer irgendwie durchgekommen und bin es gewohnt, mit wenig Geld zu leben. Das gibt mir die Freiheit, mich auf das zu konzentrieren, was mir wichtig ist.

Und das wäre?

Unter dem Strich? Meine Unabhängigkeit.

Danke für das anregende Gespräch, Eva!


Es wird wieder kälter und nasser – gutes Schuhwerk ist angesagt:

Eva Kirchhofer
Schuhmacherei
Militärstrasse 115
8004 Zürich

Öffnungszeiten: Do+Fr: 10:30–18:30. Sa: 11–16
oder Voranmeldung: +41 79 886 12 47
https://schuhmacherin.ch/

* Anm. d. Red.: Viele Selbständige, die ein sogenannt «systemrelevantes» Gewerbe ausüben, mussten ihre Läden im Lockdown offen halten – obwohl die Kundschaft grösstenteils ausblieb. Wer seine Umsatzeinbussen aufgrund einer Geschäftstätigkeit von weniger als drei Jahren rückwirkend nicht belegen konnte und/oder sich selbst zu wenig Lohn ausbezahlte, ging sowohl bei der Härtefall-Regelung als auch den Ergänzungsleistungen leer aus (z.T. sogar mit der Begründung «Aber sie konnten doch arbeiten, ihr Laden war ja offen!»)

Comments
One Response to “Von Hand- und Schuhwerk”
  1. regulalas sagt:

    Wie naiv war ich denn! Endlich sagt es mal jemand, dass man Tiere für Fleisch und Milch hält, aber ihr Leder wegwirft. Und andere halten wir nur fürs Leder…? Es wird Zeit, dass ganzheitliche Tierhaltung, bzw. Leder ökologisch gekennzeichnet wird.

    Herzlich, Regula

    >

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