Cry Baby Cry

Das Wetter ist heute echt zum Heulen. Aber mal abgesehen davon gibt es da so einen populärwissenschaftlichen Pseudo-Test. Dort wird unter anderem gefragt, welche „Form“ von Wasser man wählen würde, wenn man sich als H2O-Molekül frei entscheiden könnte…

Viele wählen das Meer, manche einen munter plätschernden Bach und wieder andere eine Regenwolke. Was mein Cousin auf diese Frage vor 20 Jahren geantwortet hat, weiss ich noch, wie wenn es gestern gewesen wäre: „Eine Träne“. Zuerst war ich etwas irritiert, doch seine Begründung „… weil sie der Ausdruck eines Gefühls ist“ hat mich damals schwer beeindruckt…

 

Warum weinen wir?

Ja, in diesem Beitrag es geht ums Weinen. Und eigentlich liegt es auf der Hand, dass Gefühle und Tränen eng zusammenhängen. Evolutionsbiologisch ist Weinen sozusagen der Preis, den der Mensch für seine Sensbilibität, sein Bewusstsein und seine Intelligenz zahlt.

Das Weinen scheint sich unter dem Strich zusammengefasst als Anpassungsmechanismus entwickelt zu haben, um die negativen Nebeneffekte körperlicher Stressreaktionen aufzufangen.

 

„Unsere ungehemmte, primitive Reaktion auf starke Gefühle besteht darin, körperlich aktiv zu werden. Das Wort „Emotion“ stammt von „movere“ (Lat. für bewegen)“

 

Physiologie des Weinens

Weinen ist ein natürlicher Prozess, der den Körper wieder ins Gleichgewicht bringt. Weinen ist kein überflüssiges Nebenprodukt im Rahmen emotionaler Belastung, sondern ein wichtiger Teil des Stress-Entspannungs-Kreislaufs. Gemäss Dr. Frey ist Weinen vergleichbar mit anderen körperlichen Prozessen, die dazu dienen, Abfallprodukte aus dem Körper auszuscheiden (ausatmen, schwitzen, urinieren etc.) – ein etwas ungewohnter, aber durchaus interessanter Gedanke.

 

Träne ist nicht gleich Träne

Der Biochemiker Dr. William Frey vom Ramsey Medical Center in Minneapolis (USA) hat die chemische Zusammensetzung menschlicher Tränen untersucht. Er bezahlte Freiwillige dafür, einen traurigen Film anzuschauen und ihre Tränen (sofern die Probanden weinen mussten) in einem Teströhrchen aufzufangen.

Diese Art von Tränen nannte er „gefühlsinduziert“ d.h. von Gefühlen ausgelöst. Zum Vergleich sammelte er anschliessend auch „reizstoffinduzierte“ Tränen, die z.B. beim Zwiebelhacken ausgelöst wurden. Und siehe da: Seine Labor-Analysen ergaben, dass sich die beiden Arten von Tränen chemisch unterscheiden!

Gefühlstränen sind „gehaltvoller“

Sowohl Gefühlstränen als auch Reiztränen bestehen zu 98% aus Wasser. Durch Gefühle ausgelöste Tränen enthalten im Gegensatz zu Reiztränen höhere Konzentrationen von Stresshormonen wie Adrenocorticotropin, Prolaktin oder Leu-Enkephalin (wirkt schmerzhemmend) sowie mehr Mangan. Das Spurenelement Mangan spielt bei der Regulierung unserer Gemütsverfassung eine Rolle, allerdings nur in kleinster Menge! Chronisch depressive Menschen weisen oft zu hohe Mangan-Werte aus.

Wenn wir uns so richtig ausweinen, schüttet der Körper jede Menge Stresshormone, Proteine und Mangan aus – und deswegen fühlen wir uns danach tatsächlich besser. Falsche Krokodilstränen bringen diesbezüglich hingegen rein gar nichts, denn erstens ist ihre biochemische Zusammensetzung anders und zweitens haben sie deutlich weniger „Wirkung“, weil andere Menschen den Unterscheid meist schnell erkennen (Quelle).

Wenn Kinder weinen

Gerade Kinder nutzen gemäss der Entwicklungspsychologin Aletha J. Solter das Weinen als Entspannungs-Mechanismus, mit dem sie sich selbst von Angst einflössenden oder frustrierenden Erfahrungen heilen, die sie kurz zuvor gemacht haben.

Solters vertritt die Auffassung, dass weinende oder schreiende Kinder niemals ignoriert werden, sondern mit liebevoller Zuwendung angenommen werden sollten, weist aber auch ausdrücklich darauf hin, dass beileibe nicht jeder Tränenausbruch ein Zeichen für ein unbefriedigtes Bedürfnis sein müsse.

 

Wer weint, ist glücklicher!

Bild: Flickr/Robert Donovan

Es hat also ausgesprochen wohltuende bis heilsame Wirkung, wenn wir uns ein paar Tränen zugestehen! Beim Weinen bauen wir Spannung ab, Blutdruck und Pulsfrequenz sinken. Weinen stärkt zudem die physische und psychische Gesundheit und verbessert offenbar auch unsere Konzentrations- und Lernfähigkeit.

Als weiteres Plus könnte sich in nicht allzu ferner Roboter-Zukunft die Tatsache erweisen, dass Deine Tränen Dich als Menschen aus Fleisch und Blut ausweisen ; )

88.8% der Befragten gaben in einer Studie der South Florida University an, sich nach dem Weinen besser zu fühlen. Menschen, die bald nach traumatischen Erfahrungen die Möglichkeit hatten, ihre Gefühle auszudrücken und über das Erlebte zu weinen, erholen sich besser, sind emotional gesünder und haben später weniger Probleme in ihren Beziehungen.

Aktuelle Studien weisen allerdings darauf hin, dass es darauf ankommt a) aus welchem Grund wir weinen und b) ob wir alleine sind oder nicht. In Anwesenheit von zwei oder mehr Personen fühlten sich die meisten Mesnchen, die weinen mussten, eher schlechter.

 

Bist Du ehrlich oder einfach nur schwach?

Was die Akzeptanz von Tränen betrifft, so spielt – wenig überraschend – das Geschlecht eine Rolle.

Neuerdings gilt es als Zeichen von Stärke, wenn Männer weinen. Frauen weinen ebenfalls, doch sie bezahlen einen Preis dafür: Eine entsprechende Studie der Penn State Universität kam zum Schluss, dass die Tränen von Männern von den Probanden als Zeichen von Ehrlichkeit gedeutet wurden, während Weinen bei Frauen als Zeichen von Schwäche beurteilt wurde. Bei beiden Geschlechtern waren leicht tränenfeuchte Augen akzeptabler als offenes Weinen.

 

Also denne, lasst uns heulen : ) 

Vor Wut, vor Glück, vor Trauer, vor Mitgefühl… Tränen bei sich und anderen zulassen, sich weinenden Menschen liebevoll zuwenden – dafür sollten die Krankenkassen eigentlich einen Gesundheitsbonus ausschütten!

 

PS: Eigentlich sollten wohl abschliessend die Beatles mit „Cry Baby Cry“  zu Wort kommen, aber diese tolle Cover-Version von Massive Attacks Klassiker „Teardrop“ der norwegischen Sängerin Aurora passt ja auch : )

 

 


Quellen zum obigen Beitrag:

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