1 PS, 10 Wochen, 1000 Kilometer

Im Frühling 2015 hielt Steffi als Bauleiterin und Hausmutter in Personalunion auf Fougerette die Zügel in den Händen. Damals reiste sie per Traktor mit ihrem Bauwagen aus der Schweiz an. Die Nase im Wind, die Strasse vor sich – die Lust am Abenteuer liegt Steffi offenbar im Blut, denn die gelernte Schneiderin war früher bereits während mehrerer Saisons als Mitstreiterin mit dem Circolino Pipistrello unterwegs, später auch mit dem Circo Soluna in Ungarn. Nach dem Abschluss ihres Studiums in Vermittlung von Kunst und Design an der ZHDK hat sie die Zügel erneut in die Hände genommen: Allein mit einem Packpferd wanderte sie zehn Wochen lang durch Süddeutschland und die Schweiz. Ein Bericht über ein (Lebens-)Kunstprojekt.

Ross & „Lenkerin“

INTERVIEW

Steffi, zehn Wochen alleine mit einem Packpferd zu Fuss unterwegs, das klingt schon ziemlich verrückt… Genau so eine Prise Wahnwitz steckt ja auch in unserem Schlossprojekt, deshalb lieben wir so inspirierende Taten : ) Was hat dich zu diesem Projekt motiviert?

Es war ein lang gehegter Traum. Ich wollte wissen, wie es ist, mit einem Pferd unterwegs zu sein, einem Pferd nah sein zu müssen. Auch bin ich gerne draussen. So mitten in der Stadt wohnend ist es schwierig, sich Raum und Grund fürs Draussensein zu schaffen. Mit diesem Wanderprojekt hatte ich beides. Unterwegs sein bedeutet für mich etwas zu wagen und zu erleben, es ist der Schritt dazu, den Zufall und das Glück herausfordern.

Grossartiges Panorama

Du sprichst von Glück und Zufall. Wie würdest Du Deine Reise rückblickend beschreiben?

Manchmal unglaublich schön, manchmal furchtbar und schlussendlich einfach grossartig.

Welche Hürden musstest Du überwinden, um deinen Traum wahr zu machen?

Die erste Herausforderung war, überhaupt ein Pferd zu finden, das ich auf die Reise mitnehmen durfte. Dann folgte die ganze Materialbeschaffung, angefangen beim Packsattel, dann Packtaschen und Plane nähen und überhaupt herausfinden, was es für eine solche Reise braucht. Eine grosse Hilfe war mir dabei meine Projektmentorin Mirjam Spring, die mich mit der richtigen Literatur, mit Material und vielen hilfreichen Tipps eindeckte.

Kanntest Du Dich schon mit Pferden aus – und wo hast Du überhaupt eins gefunden?

Meine Pferdeerfahrung beschränkte sich auf den klassischen Reitunterricht als Teenie und gelegentliches Reiten oder Spazieren mit Pferden bei Freunden. Ich muss gestehen, ich habe mir oft ein geübteres Auge für die Befindlichkeit und die Körpersprache des Pferdes gewünscht. (grinst)

Als ich merkte, dass Mund-zu-Mund-Propaganda nichts half, machte ich ein Inserat auf tierinserate.ch und prompt meldete sich zu meinem grossen Glück Agathe Reithaar vom Dachsberg im Schwarzwald. Ihre ganze Familie betreibt dort einen Hof, sie geben Reitunterricht, bieten Ausritte an, reiten Pferde ein und züchten Connemara-Ponies.

Rosie

Agatha hat mir als Pferd sofort Rosie vorgeschlagen. Die Idee war, dass dieses Pferd durch das intensive Laufen Muskeln aufbaut, mit dem Gewicht auf dem Rücken umzugehen lernt und sich daran gewöhnt, alleine mit einem Menschen unterwegs zu sein. Auch der zuverlässige, freundlich Charakter der Connemaras sprach dafür, dass Rosie eine gute Begleiterin sein würde.

Hat sich diese Einschätzung von Rosies Charakter bestätigt?

Absolut! Sie war eine treue Begleiterin, kam überall mit und wenn es darauf ankam, behielt sie stets die Nerven. Gestaunt habe ich beim versehentlichen Gang über eine Hängebrücke in Thusis, die ich – ganz in Gedanken versunken – gar nicht richtig wahrgenommen hatte. Bis es dann zu spät war, denn wenden konnte ich das Pferd auf der schmalen Brücke nicht mehr… Ohne mich zu überrennen oder in Panik zu geraten hat Rosie es über die immer stärker schwingende Brücke geschafft. Ich war danach total erledigt, Rosie natürlich die Ruhe selbst.

Gut, in den Punkten Hufe auskratzen und Sich-Striegeln-Lassen sind wir uns nie ganz einig geworden und das hat mich tatsächlich wiederholt auf die Palme getrieben. Eben in genau dieser Sache hätte ich mir mehr Pferdeerfahrung in Pferdeerziehung gewünscht.

Es geht los! Abreise vom Dachsberg…

Das klingt abenteuerlich! Wie lange warst Du letztlich unterwegs?

Los ging’s Ende Juli 2016 im Schwarzwald und genau 10 Wochen später bin ich wieder auf dem Dachsberg angekommen. Für die letzten Vorbereitungen und die ersten Wanderungen verbrachte ich vorgängig noch 10 Tage bei Rosie auf dem Hof.

Wie war Dein Tagesablauf auf der Reise?

Da war täglich der Versuch, richtig früh aufzustehen, so um 6 Uhr… Es wurde dann aber meistens doch 8 Uhr. Vom Aufstehen bis zum Loslaufen brauchte ich rund 3 Stunden. Nur selten schaffte ich es schneller geschafft und es ist mir bis jetzt noch ein Rätsel, warum das nie möglich war. Aber es gab halt immer noch etwas zu richten, flicken oder schwatzen. Nach dem Aufbruch war ich jeweils 2 bis 3 Stunden unterwegs, dann Mittagspause mit Abladen und anschliessend nochmals ein Stück laufen und Nachtplatz suchen. An einem neuen Ort angekommen, kam dann Pferd absatteln, pflegen, füttern, Zaun einrichten, anschliessend etwas für mich kochen und zu guter letzt in den Schlafsack schlüpfen und in sekundenschnelle in den Tiefschlaf kippen. Tagebuch schreiben oder andere ernsthafte Gedanken mussten bis zum Morgengrauen warten.

Wie haben die Menschen auf Dich und Dein Ross reagiert? Gibt es Begegnungen, die Dir besonders im Gedächtnis geblieben sind?

Die Reaktionen der Leute haben mich regelrecht ermuntert und vorangetrieben. Die weisse Rosie muss ein so schönes Bild abgegeben haben. Die Leute waren oft sehr angetan und es kam meistens zu einem Schwatz oder ich durfte dadurch auf den Höfen übernachten. Rosie öffnete mir die Tür zu vielen schönen Begegnungen und Gesprächen. Oft haben sie gestaunt, dass ich alleine unterwegs bin. Es ist schwierig zu sagen, welche Begegnung mir besonders im Gedächtnis geblieben ist, weil kaum denke ich an die eine, kommt mir die andere in den Sinn und ich denke dann, die war aber auch schön.

Aber um zwei zu erwähnen: Das eine war die Vorbereitungszeit auf dem Dachsberg bei der Familie Reithaar-Appenzeller, das war richtig toll. Und das andere, da war ich in der Linth-Ebene unterwegs. Wir waren beide schon beim Loslaufen müde. Ich zog Rosie schon fast hinter mir her und dachte: „Heute besser nicht so weit“. Es kam natürlich ganz anders! Als ich die Ebene bereits passiert hatte und oben irgendwo über Altendorf am Berg war, suchte ich während zwei Stunden vergeblich nach einer Bleibe. Rosie hätte längst eine Pause verdient und ich fühlte mich unerträglich ratlos. Irgendwann meinte der eine Wirt, ich soll es oben im Stollen versuchen, dort gehe es bestimmt. Das bedeutete nochmals 1 km den Berg hochlaufen, ohne zu wissen, ob es wirklich klappen würde… Zuerst zögerte ich, aber kaum machte ich mich mit vielen unnötigen antreibenden Zurufen an Rosie auf den Weg, da hielt ein Auto mit dem rettenden Engel darin. Ich fragte, ob er vom Stollen sei und es möglich wäre, bei ihm zu übernachten. Er überlegte und meinte, ja das gehe irgendwie und brauste schon mal voraus. Also stakste ich lärmend hinterher. Oben angekommen, wurde ich herzhaft empfangen und es wartete auf mich alles, was das Wanderherz begehrte: Stall und Weide fürs Pferd und für mich ein warmes Zimmer, zudem durfte ich einen Pausentag einlegen, Wäsche waschen und – oh Wohltat! – duschen.

Stichwort Hygiene, wie bist Du damit umgegangen? Zwischendurch hast Du ja auch ganz allein unter freiem Himmel übernachtet…

Schlafen unter freiem Himmel

Ja, unter freiem Himmel war es besonders schön. Die Nähe zum Pferd… mitten in der Nacht konnte ich „Rosie“ murmeln und sie antwortete grummelnd. Es war auch der Moment, um in Ruhe zu kochen und den Geschehnissen der letzten Tagen nachzuhängen. Erstaunlicherweise habe ich mich draussen immer aufgehoben gefühlt, sogar im Graubünden zur Jagdzeit. Wäre Rosie braun gewesen, hätte ich es wohl vermieden. Aber ich dachte: „So blöd wird nicht mal der besoffenste Jäger sein, auf ein schneeweisses Tier zu schiessen“.

Was die Hygiene betrifft: Zwischendurch eine schöne Dusche zu bekommen, die Gelegenheit gab es immer wieder und es ist auch nicht so tragisch, ein paar Tage vor sich hin zu stinken. (lacht) Solange man sich im Wald aufhält oder an einem vorbeikommt, lässt sich meistens auch ein stilles Örtchen finden. Ich habe allerdings darauf geachtet keine Spuren zu hinterlassen und das hiess jeweils: Loch graben, Geschäft rein, danach zudecken, das gebrauchte WC-Papier mitnehmen und verbrennen oder in den nächsten Abfall schmeissen.

Schöne Architektur – bloss: Wo kann ich aufs Klo?!

Allerdings hat mich das Thema WC doch ein paar Mal in unangenehme Situationen gebracht. Was macht man am heiterhellen Tag mitten in der Agglomeration, wenn weit und breit kein Wald in Sicht ist und man urplötzlich und ganz dringend man aufs Klo muss? Sich einfach am Strassenrand zu erleichtern ist hierzulande ja doch nicht gerade üblich. Also führte mich die Not aufs nächste Haus zu, etwas widerwillig wurde mir der Gang aufs WC gewährt. Für die nötige Sympathie sorgte Rosie, die in meiner Abwesenheit fleissig mit Zucker gefüttert wurde. Als ich zurück kam schaute ich die Frau erstaunt an und fragte ungläubig: „Was, Sie füttern dem Pferd Zucker?“ Sie strahlt mich an und meinte: „ Ach, das macht nichts, das haben wir früher immer so gemacht.“

Es kam natürlich auch mal vor, dass ich, Rosie am Führstrick haltend, ein „Seeli“ am Wegrand hinterliess, weil es keine andere, vernünftige Möglichkeit gab. Einmal auf einer Waldwiese habe ich dabei den Führstrick losgelassen und sogar über den Packsattel gelegt. Ich ging davon aus, dass sich Rosie wie sonst auch aufs Gras stürzen und fressen würde. Weit gefehlt! Genau dieses eine Mal verstand sie das als Einladung, sich zügig davon zu machen und im Gebüsch zu verschwinden. Ich riss meine Hosen wieder hoch und stolperte ihr panisch schreiend hinterher. Auf dem Weg lagen alle paar Meter zerstreute Gepäckstücke – Feldflasche, der Gaskocher und anderes Zeugs – und zuletzt an der Kreuzung lag eine der beiden Seitentaschen abgerissen. Weiter vorne erblickte ich dann Gott sei Dank Rosie – der Sattel war bereits auf die Seite gerutscht, die andere Seitentasche hing zwischen ihren Beinen. Ich rannte zu ihr, konnte sie einholen und das ganze Desaster provisorisch wieder herrichten. Erst eine Stunde später besinnte ich mich meiner Notdurft und erledigte diese, Rosie haltend am Wegrand.

Wald-Idylle

Du hast pro Tag zwischen 8 bis 25 Kilometer zurückgelegt. Wie fühlt sich die Welt aus dieser Langsamkeit heraus an?

Ich weiss nicht, ob die Langsamkeit entscheidend ist. Eher ist es die Reduktion auf eine einzige Idee, der man nachgeht. Es ist die Schwebe zwischen Plan und Zufall. Damit meine ich, es zu nehmen, wie’s kommt, angewiesen zu sein auf die Grosszügigkeit und Offenheit der Leute und doch den Schwung und die Richtung beibehalten. Man übergibt sich der Gesellschaft und der Natur. Es ist ein intensives Erleben, die Hochs und die Tiefs liegen manchmal unerträglich nah beieinander. Ich entwickelte eine unendliche Dankbarkeit für jede Freundlichkeit und alles was einfach funktionierte.

Welche Schwierigkeiten gab es denn unterwegs? Und hast Du diese erwartet oder waren es letztlich ganz andere Probleme, die Dich beschäftigten?

Schwierig fand ich es, überhaupt mit den Vorbereitungen zu starten. Vorab fragte ich mich, was denn eigentlich der nächste Schritt sein müsste. Als es soweit war und ich feststellen musste, dass nichts mehr fehlte und ich Abmarsch bereit war, war ich regelrecht überrascht.

Gesellschaft für Rosie

Befürchtet habe ich vor allem, dass Rosie es nicht packen könnte, allein mit mir unterwegs zu sein. Pferde sind ja Herdentiere und nicht gern allein. Ich machte mir Sorgen, dass sie nachts keine Ruhe finden und aus dem Zaun ausbrechen könnte. Ich stellte mich auf Koliken, Fehltritte, verlorene Hufeisen usw. ein. Nichts von dem geschah, im Gegenteil! Auf Rosie war totaler Verlass. Schwieriger waren eher die äusseren Einflüsse, der Zoll, das Militär, die tausend Sachen, die ich verlor, steile bergige Aufstiege und bei der Suche nach Übernachtungsmöglichkeiten, dass die Entscheidungsberechtigten über Land und Hof noch nicht zu Hause waren.

Hast Du unterwegs auch mal ans Aufgeben gedacht?

Oh ja, immer wieder! Und doch wäre es nicht in Frage gekommen. Die anfängliche kaum lösbare Packerei und die vielen Dinge die laufend auszubessern waren, dazu ein zappelndes Pferd, das sich nicht putzen lassen wollt, das war zum Verzweifeln. Später waren es Rückenschmerzen, die mich stets begleiteten. Aber solange es der Rosie gut ging und das Glück an meiner Seite war, wollte ich diesen lang gewünschten und geplanten Ausnahmezustand nicht aufheben. Im Grunde ist aufhören schwieriger als weitermachen.

Du hast auf Deiner Reise sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinne neue Horizonte entdeckt. Welche Tipps würdest Du Möchtegern-Nachahmer/-innen geben?

Die Reise hat mir viel Zuversicht gegeben und den Mut, einige Dinge zu verändern. Mein geographischer Horizont hat sich vor allem zum Schwarzwald hin erweitert. Schön sind da die ruhigen Wege ohne die unangenehmen Überraschungen wie ich sie von der Schweiz her kenne. Durch die fehlenden Bergspitzen als Orientierungspunkte und die längeren Strecken im Wald verliert man allerdings schnell die Orientierung, kann sich leicht verschätzen und dann landet man plötzlich viel nördlicher als geplant.

Volki hat mit angepackt

Tipps für Nachahmer? Entscheidend ist eine gute Vorbereitung. Das Material muss stimmen. Der Hufbeschlag muss gut sein, Zollangelegenheiten würde ich vermeiden und je mehr Kenntnisse übers Pferd, desto besser. Ideal ist auch eine Mischung zwischen einem Plan haben und flexiblem Handeln in der Situation. Sehr gut ist auch, sich Fehler nicht übel zu nehmen, sondern einfach das Beste daraus machen. Der Fotoapparat, welcher auf der Strecke liegengeblieben ist, bescherte Rosie, Volki und mir beispielsweise eine schöne und entspannte Wildübernachtung.

Werfen wir zum Schluss einen Blick in die Kristallkugel: Welches Projekt oder welche Reise steht denn als nächstes an? 

Es wäre schön, nochmals eine Tour mit Pferden zu machen. Nächstes Mal nicht alleine, es muss auch nicht ganz so lang sein, wahrscheinlich eher ein Ferienprojekt. Vielleicht im Schwarzwald, vielleicht im französischen Jura oder gleich vom Schwarzwald in den Jura, oder… Ach, eine genaue Vorstellung existiert nicht. Aber, hi hi, irgendwo war ja mal noch die Idee bis ins Château de Fougerette zu pilgern…

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