Stranger Visions: Spurlos verschwunden

gattacaNein, dieser Beitrag ist keine Filmkritik, obwohl „Stranger Visions“ als Filmtitel je nach Genre ganz vielversprechend sein könnte. Dennoch lässt sich beim Film anknüpfen, denn der 20-jährige Sci-Fi Thriller „Gattaca“  (absolut sehenswert, den Trailer gibt’s hier) nahm vieles vorweg, was heute Realität wird… Doch alles der Reihe nach, denn „Stranger Visions“ ist ja eben kein Film, es ist ein Kunstprojekt. Das Zweideutige ist dabei schon im Namen Programm, denn auf Deutsch lässt sich der Name wahlweise wie folgt übersetzten: Befremdliche Sicht,  kuriose Erscheinungen, Traumbilder von Unbekannten.

Wenn das Unsichtbare sichtbar wird

Die amerikanische Informationskünstlerin Heather Dewey-Hagborg hat für „Stranger Visions“ auf den Strassen New Yorks Zigarettenkippen, Haare oder Kaugummis eingesammelt. Diese zufälligen Hinterlassenschaften wurden anschliessend im Labor gentechnisch analysiert, daraus entstand jeweils ein mögliches 3D-Porträt der Person, welche die Zigarette geraucht, das Haar verloren oder den Kaugummi ausgespuckt hat.

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Stranger Visions (2012-2013)

Es geht also darum, welche physischen Spuren wir im öffentlichen Raum hinterlassen, und wie diese Spuren uns belasten könnten, wenn der Gesetzgeber es versäumt, den Rahmen für die Auswertung genetischer Daten abzustecken.

Wir stehen am Anfang der genetische Überwachung

Dewey-Hagborg initiierte das Projekt, als es ihr wie Schuppen von den Augen fiel, dass zwar eine nationale Diskussion über elektronische Überwachung geführt, aber diese Form der biologischen Kontrolle dabei völlig ausgeklammert wurde. Sie war zugleich verstört und besorgt wegen der sich abzeichnenden Möglichkeit, die Menschen genetisch zu überwachen.

Tatsächlich gibt es immer mehr DNA-Datenbanken und die Technologie dahinter wird nicht nur immer ausgefeilter, sondern auch immer einfacher zugänglich. Aus staatsbürgerlicher Sicht lautet die entscheidende Frage: Wer soll Zugang zu den Testergebnissen bekommen und wer wird die Macht haben, diese gegen uns zu verwenden?

Wer schützt die genetische Privatsphäre?tabloid-biononymousguide

Die Praxis, das mögliche Erscheinungsbild des Täters über forensische Proben vom Tatort zu erstellen, wird “Forensic DNA Phenotyping” (FDP) oder auch “molekulares Foto-Fitting“ genannt. Könnte es so weit kommen, dass die zukünftigen Schwiegereltern beim ersten Treffen unauffällig unser Weinglas verchwinden lassen, um es genetisch analysieren zu lassen?

Dewey-Hagborg erkennt darin nicht nur das Potential für ein weiteres Kunstprojekt, sondern auch eine Marktlücke. Unter dem Slogan „Be Invisible“ hat sie das Kunst-Unternehmen http://biogenfutur.es ins Leben gerufen. Die beiden Produkte im Angebot heissen „Erase“, ein Spray, welches 95% der genetischen Spuren entfernt, sowie „Replace“, ein Spray, welcher die restlichen 5% maskiert.

Beide Produkte können zuhause selber hergestellt werden, die Künstlerin arbeitet Open Source und der DIY-Guid ist online verfügbar: http://biononymous.me/diy-guides/.

 

„You wouldn’t leave your medical records on the subway for just anyone to read. It should be a choice. You should be in control of how you share your information and with whom: be it your email, your phone calls, your SMS messages, and certainly your genes. Invisible is protection against new forms of biological surveillance.“

Heather Dewey-Hagborg, BioGenFutures Founder

 

Der Kurzfilm zum Projekt „Stranger Visions“:

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Comments
2 Responses to “Stranger Visions: Spurlos verschwunden”
  1. Nathalie Schneider sagt:

    Der Film hat mich vor 20 Jahren im Kino schon bedenklich gestimmt, wer hätte gedacht dass er schon so bald Realität wird? Jedenfalls sehr empfehlenswert…

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