Calame und die Kalamitäten der Bescheidenheit

Pestalozzi? Selbstverständlich, kenne ich! Ist doch dieser Schweizer Sozialpädagoge, Philosoph und Politiker, der im 18. Jahrhundert eine neue Art der Kindererziehung erfand… Calame? Noch nie gehört, was ist denn das für ein Typ? Ein Zeitgenosse?

Pestalozzi und Calame lebten in der Tat zur gleichen Zeit. Allerdings war Calame kein Zeitgenosse, sondern eine Zeitgenossin – und beide waren sie reformpädagogisch tätig. Während jedoch Pestalozzi als „Retter der Armen“ international berühmt wurde, sprach von Calame, der „Mutter der Waisen“, hingegen schon bald keiner mehr.

Weiblich, erfolgreich, vergessen

Dieses Schicksal teilt Marie-Anne Calame mit anderen bemerkenswerten Frauen. Calame selbst lebte und wirkte in Le Locle. Die Tochter des Gemeindevorstehers war Pietistin und wurde schon früh auf das Leid der Waisenkinder aufmerksam. 1815 gründete sie gemeinsam mit Freundinnen das Asile des Billodes, welches noch heute als pädagogisches Zentrum genutzt wird. Die Journalistin Daniele Muscionico hat Calame in ihrem Buch „Starke Schweizer Frauen“ aus der Mottenkiste des Vergessens geholt. Sie schreibt:

„Doch um wie viel erfolgreicher ist Calame! ­Pestalozzi muss seine Armenschule nach mehreren Schliessungen und Neugründungen 1825 endgültig aufgeben. Marie-Anne hingegen schafft zeit ihres Lebens eine stabile Lebensgrundlage für mehr als 2’000 Kinder und rund 50 Mitarbeitende.“

(Quelle: Cherub der Mehlsuppe: Porträt von Marie-Anne Calame; Auszug aus dem Buch „Starke Schweizer Frauen“ von Daniele Muscionico.)

Die Geschichte wird von den Siegern geschrieben

Eine alte Weisheit unter Historikern… Es wäre schön, wenn auch Leistungen wie die von Marie-Anne Calame, die ohne grosses Tamtam erbracht werden, ganz selbstverständlich gewürdigt würden.bildschirmfoto-2016-12-09-um-12-43-24

1955 schrieb Anne Morrow Lindbergh das Buch Muscheln in meiner Hand – der vermutlich erste moderne Ratgeber zum Glück. Die Frau des Fliegers Charles Lindbergh, dessen Alleinüberquerung des Atlantik vom 20. Mai 1927 auch dem Tanzstil „Lindy Hop“ seinen Namen gegeben haben soll, schrieb ein leidenschaftliches Plädoyer für die Menschen „aus der Klasse der Ferienlosen“. Sie schrieb über ihr Dasein als Frau – und über all jene weiblichen Wesen, die sich verströmen sollen, ohne je aufzutanken, die nichts für sich fordern dürfen, aber alles geben müssen (Quelle). Anne Morrow Lindbergh selber hatte sechs Kinder, war beruflich engagiert und als Co-Pilotin und Funker mit ihrem Mann unterwegs,

Auch wenn dem schmalen Büchlein der damalige Zeitgeist stark anzumerken ist, so ist es doch als feministisches Manifest zu werten. Erstaunlich auch, dass viele der Botschaften darin auch nach 60 Jahren verstanden werden. Das stille, effiziente Wirken vieler Frauen – es ist ihre grosse Stärke und MarieAnneCalamedie Wurzel ihrer Selbstsabotage. Oder wie kam es, dass Marie-Anne Calames Leistungen von der Öffentlichkeit so vollständig ausgeblendet wurde? Oder dass beim fiktiven Job-Interview für die Stelle als Mutter erst mal niemand auf die Idee kam, dies könnte überhaupt ein Beruf sein?

Mit der richtigen Sprache punkten

Im Zeitalter der permanenten Selbstdarstellung ist überzeugende Kommunikation der Schlüssel  zum Erfolg. Geschlechterspezifische Sprachmuster hat die amerikanische Soziolinguistin Deborah Tannen unter die Lupe genommen. Sie kommt in ihrer Forschung zum Schluss, dass Männer und Frauen oft aneinander vorbeireden, weil sie Kommunikation anders nutzen bzw. weil ihre Konversationsstile und -rituale anders ausgeprägt sind. Auch die Beurteilung von Interaktionen findet nach anderen Kriterien statt: Wo Frauen den Erfolg eines Gesprächs danach messen, ob sie sich der anderen Person näher fühlen oder nicht, beurteilen Männer dasselbe Gespräch dahingehend, ob und wenn ja welcher der beiden Gesprächspartner die Oberhand hatte bzw. seinen Status erhöhen konnte.

Abschliessend ein Vortrag von Tannen über „Status & Connection“ (zwar aus den 1990ern, aber nach wie vor aufschlussreich):

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