Goldgräberstimmung

Die Ackerkrume ist die oberste, durch organische Abbauprodukte dunkler gefärbte Bodenschicht eines Ackers. Das Wort klingt archaisch und ist dennoch von hoher Aktualität, denn derzeit findet ein erschreckender Ausverkauf der Landwirtschaftsflächen statt.

Insbesondere seit der Finanzkrise 2008 haben globale Investoren den Agrar-Sektor als gewinnträchtige Alternative für sich entdeckt. Es herrscht Goldgräberstimmung, in den 15 letzten Jahren wurden weltweit über 200 Millionen Hektaren Agrarland gekauft – mehr als es in ganz Europa gibt.

Fimplakat LandraubDie globalen Investoren mit ihren Grossplantagen zerstören gemäss dem Journalisten und Filmemacher Kurt Langbein die sozialen und ökologischen Strukturen. Was stimmt, ist einzig der Profit: „Oh, es ist sehr attraktiv! Die Erträge sind hoch, nach sieben Jahren sind die Investition zurückbezahlt und die nächsten 20 Jahre gehen Sie jedes Mal mit einem Lächeln zur Bank“, so Suriya Moorthy, Berater für Agrarinvestments.

Ein üble Überraschung ist die Tatsache, dass dazu offenbar europäische Fördergelder und Entwicklungshilfe-Gelder verwendet werden. In Kambodscha entstand so eine Zuckerfabrik, vor deren Bau rund 1000 Kleinbauern und deren Familien unrechtmässig enteignet wurden; ihnen fehlt seither jegliche Lebensgrundlage. Die Folge solch rabiater Vorgehensweisen könnten künftig ganze Völkerwanderungen sein, die das Ausmass der derzeitigen Flüchtlingskrise bei Weitem sprengen würden.

Langbeins Film kommt zum Schluss, dass es Zeit für ein radikales Umdenken ist. Dass Millionen Kleinbauern besser und nachhaltiger wirtschaften als Agrarkonzerne. Und dass Nahrungsmittelsicherheit nur dann gewährleistet ist, wenn wir auf lokale Versorgung statt globaler Investition setzten.

Es liegt auch an uns!

Die globalen Investoren sind drauf und dran, das ganze Ökosystem in Grund und Boden zu reiten – im wahrsten Sinne des Wortes. Deshalb kann man sich ein hämisches Händereiben kaum verkneifen, wenn Glencore an der Börse 30% Einbusse hinnehmen muss – leider nur eine Momentaufnahme, denn am Ende triumphiert meist eben doch das Geld. Deshalb:

  • Schau genau hin, wo und vor allem was Du einkaufst.
  • Engagiere Dich z.B. bei der Stiftung Biovision

ARD-Beitrag „Die Folgen des modernen Kolonialismus“ mit Filmausschnitten:

Screenshot ARD - Die Folgen des modernen Kolonialismus

„Landraub“, ein Film von Kurt Langbein, startet am 8. Oktober in deutschen Kinos, ob der Film auch in der Schweiz gezeigt wird, ist unklar. Die Website des Films: http://www.landraub.com/

 

Biovision – ein bemerkenswertes Projekt

Kleinbauern in Äthiopien konnten offenbar mit entsprechender Beratung ihren Ertrag verdreifachen. Genau dafür engagiert sich auch Biovision. Die vom Schweizer Dr. Hans Rudolf Herren ins Leben gerufene Stiftung setzt sich in Afrika seit Jahrzehnten für eine nachhaltige Landwirtschaft ein. Herren geniesst als weltweit führender Experte für biologische Schädlingsbekämpfung und Träger des Alternativen Nobelpreises einen hervorragenden Ruf; 2014 wurde er in der Kategorie „Gesellschaft“ zum Schweizer des Jahres gekürt.

Screenshot Web Biovision

= = = =

Exkurs: Sind Mikro-Kredite eine Lösung?

Wie kann den Kleinbauern der Rücken gestärkt werden? Der Friedensnobelpreisträger und Gründer der Grameen Bank fort the Poor, Muhammad Yunus, beschritt in den 1980-er Jahren mit seinem Modell für Mikrokredite und Mikrofinanzierungen einen ganz neuen Weg, galt lange Jahre als „Retter der Armen“.

Eine kritische Analyse des Wirtschaftsprofessors und Journalisten Milford Bateman im Artikel „The Rise and Fall of Muhammad Yunus and The Microcredit Model“ zeigt jedoch eine ernüchternde Bilanz: Die allermeisten Kreditnehmer schaffen es nicht, aus der Armut auszusteigen und verstricken sich im Gegenteil immer stärker in Schulden. Dies wird von einigen Mikrofinanz-Investoren ganz gezielt ausgenutzt, denn am Ende dieser Abwärts-Spirale ist das Land der betreffenden Familie fast gratis zu haben. Dieses Vorgehen ist auch als sogenanntes „debt farming“ bekannt.

Ab 2010 stützen eine Flut von unabhängigen Untersuchungen die Erkenntnis, dass Mikrokredite anders als zuvor angenommen für die Ärmsten sogar eindeutig negative Auswirkung haben. Eine tragische Wende für ein Projekt, das ursprünglich genau wie das wunderbare Barefoot College antrat, um Frauen und ihren Familien einen Weg aus der Armut zu ermöglichen.

Nachfrage keine Frage des Angebots

Warum Yunus‘ Ansatz versagt? Gemäss Bateman fiel Yunus schon ganz zu Beginn dem fatalen Trugschluss zum Opfer, dass „Angebot eine entsprechende Nachfrage generiert“. Tatsächlich, so argumentiert Bateman, war es aber schon immer vergleichsweise einfach, ein simples Produkt oder eine simple Dienstleistung anzubieten. Nur halb so einfach ist es hingegen, jemanden zu finden, der das Produkt oder die Dienstleistung kaufen bzw. in Anspruch nimmt – und genau dies wird immer schwieriger.

Entscheidend sind formelle Einkommensquellen

Kurzum: Ein Mikrokredit alleine hilft gar nichts, wenn nicht entsprechende Kaufkraft d.h. Käufer vorhanden sind. Viele der Mikrokreditnehmer aber leben in ärmlichen Gegenden, ihre Nachbarn sind genauso mittellos wie sie selber und verfügen ebenfalls nur informelle Einkommensquellen…

Dieses Dilemma ist gemäss Bateman eng verwandt mit einem weiteren globalen Problem: Den Hungersnöten. Der Wirtschaftsprofessor und Nobelpreisträger Amartya Sen konnte bereits 1981 aufzeigen, dass Hungerskatastrophen deshalb entstehen, weil die Kaufkraft der Ärmsten schlicht und ergreifend nicht ausreicht, um die sehr wohl verfügbaren Lebensmittel zu kaufen. Einmal mehr ist dies Ergebnis fehlender formeller Einkommensquellen (bezahlte Arbeit, Sozialversicherung oder auch soziale Wohlfahrt). So erweist sich auch die Annahme, dass Hungerskatastrophen die Folge von zu wenig Lebensmitteln sind, und dass eine bessere Verfügbarkeit von Lebensmitteln die Not lindern wird, als Trugschluss.

Quelle: The Rise and Fall of Muhammad Yunus and The Microcredit Model, Milford Bateman, in „International Development Studies“, Ausgabe 001/2014.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: