Meet Maja Hürst / Grain de Folie

Grain6Die autodidaktische Künstlerin Maja Hürst hat das zweite diesjährige Künstler-Zimmer namens „Grain de Folie“ gestaltet. Aufgewachsen in Kairo und Köln hat sie sich schon als Kind als Weltenbürgerin bekannt. Nach ihrem Studium der Visuellen Kommunikation an der ZHdK hat sie begonnen, sich intensiv mit Kunst auseinanderzusetzen und dies 2009 zu ihrem Beruf gemacht; ihre Bildsprache heisst TIKA. In den letzten Jahren hat Maja in Berlin, Rio de Janeiro und Zürich gewohnt, mit Atelierstipendien in Bangkok, Wien und Kapstadt gelebt sowie weltweit unzählige Wandbilder und Ausstellungen realisiert. Seit 2013 wird sie für einen Dokumentarfilm der Sternstunde Kunst vom Schweizer Fernsehen begleitet. Für die nächsten Monate steht ein Leben «on the road» im ausgebauten Bus quer durch Europa an. Ein Atelier auf Rädern, die Farbeimer und Spraydosen im Gepäckraum, die Leiter und Verlängerungsstangen auf dem Dach.

Maja, wie kam es überhaupt zu Deiner Projekteingabe für das Zimmer „Grain de Folie“?

Die Jungkunst-Organisatoren haben den Aufruf an alle ihre ehemaligen Künstler verschickt. Die Bilder des Schlosses haben mich so geflashed und ich hatte ein gutes Bauchgefühl bei dem Zimmer, auch hat mich der Name „Grain de Folie“ (eine Prise Wahnwitz, Anm. d. Red.) angesprochen.

Wie sieht ein typischer Tag in Deinem Leben aus?

Typische Tage gibt es so eigentlich nicht… Ein Vorsatz, der sich seit meinen Teenagertagen gehalten hat, ist, dass ich möglichst jeden Tag anders leben möchte. Meistens jedoch beginnt mein Tag mit einem Kaffee, ans Bett gebracht von meinem Super-Freund, etwas lesen, noch zwei, drei weitere Kaffees, duschen, Mittagessen, dann wenn das Wetter ok ist in der Stadt rumvelölen und noch mehr Kaffee trinken, mit Freunden quatschen oder in den Himmel gucken und die Gedanken fliegen lassen, dann mal Mails checken und spätestens wenn’s eindunkelt bis es hell wird im Atelier arbeiten.

Was treibt Dich als Künstlerin an? Wo liegen Deine künstlerischen Wurzeln bzw. was inspiriert Dich zu Deinen Arbeiten?

Die Zeit, die ich malend, zeichnend oder bastelnd verbringe, vergeht wie im Flug. Was das Kreative betrifft, bin ich sozusagen unersättlich und habe deswegen auch Lust auf immer mehr (lacht). Meine Hauptinspiration sind der Alltag und das Leben, spezifischer, die Suche nach einem Alltag und einem Leben in einem System und einer Gesellschaft wie ich sie uns wünsche. In diese Wunschvorstellung fliesst sowohl Traditionelles und Mystisches mit ein als auch Fantastisches, Geträumtes und im Internet Gesehenes.

Wie zeigt sich das in Deinem Werk?

Von Menschen, die Arbeiten von mir bei sich zuhause haben, wurde mir schon gesagt, dass sie eines meiner Bild neben dem Bett haben und immer wenn sie es anschauen, dann rückt es ihnen den Sinn des Lebens wieder an den richtigen Ort. Wenn meine Arbeiten kleine Anker für Gedanken oder Ideen oder Inspiration für Andere sind, dann ist dies das grösste Kompliment für mich – und somit auch Sprit, welcher den Motor am Laufen hält. Wenn ich im öffentlichen Raum arbeite, zum Beispiel an einem Wandbild, geschieht es oft, dass ich mit verschiedensten Menschen über die verrücktesten Themen ins Gespräch komme. Einmal als ich in Kapstadt auf einem Baukran an einer grossen Wand am Arbeiten war, hab’ ich bemerkt wie eine Businessfrau, ein Obdachloser und ein Feuerwehrmann in ein tiefes Gespräch über das Bild verstrickt waren. Das fand ich sogar noch besser als wenn ich als Person direkt involviert gewesen wäre.

Mit TIKA hast Du Deine eigene Bildsprache entwickelt…

Angefangen hat TIKA als Gesicht aus dicken schwarzen Filzstiftstrichen auf entsorgten Kühlschränken in Zürich. Der Klang und die Buchstaben haben mir gefallen. Es war sozusagen Liebe auf den ersten Blick von einer Antibiotika-Packung weg. Später als ich dann noch die indische Bedeutung des dritten Auges für TIKA kennengelernt habe, fiel alles wie beim Computerspiel „Tetris“ in die richtige Lücke. Heute ist TIKA ein Versuch, das Gesehene simpel und grafisch umzusetzen. Die Essenz des Gesehenen festzuhalten. Auszuloten, wie viel Reduktion Formen vertragen um nicht ins Abstrakte zu rutschen. Auch ist es eine Suche nach dem Essentiellen im Leben (Impressionen von TIKA findest Du in der nachstehenden Bild-Galerie).

Wie fallen die Reaktionen auf TIKA aus?

Ob in Bangkok, Atlanta, Gambia, Cape Town, Mumbai, Alexandria, Sofia – bisher hatte ich meist positive Reaktionen. Ich lege sehr viel Wert darauf, das Bild in die Umgebung einzubetten. Wo auch immer auf dem Planeten ich eingeladen werde, um auszustellen oder Wandbilder zu malen, informiere ich mich über die Geschichte der jeweiligen Orte, suche nach lokalen Sagen und Mythen und unterhalte mich mit den Menschen, die um die zu bemalende Wand herum leben. So entstehen die Ideen zu den Bildern. Es kommt oft zu einem regen Austausch mit den Anwohnern, die fragen, ob sie an der Wand mithelfen dürfen oder mir Getränke, Snacks und Zeichnungen bringen. In der Schweiz sind die Reaktionen allerdings überwiegend verhalten, meist wird nur nach der Bewilligung und dem Verdienst gefragt.

Deine zweite Leidenschaft ist die Musik, oder?

Jup. Früher hab’ ich neben der Anlage gesessen und Tapes aus dem Radio aufgenommen. Irgendwann um 2003 hab’ ich angefangen, Platten zu kaufen und aufzulegen, da ich kaum DJs kannte, die aufgelegt haben, was mir gefällt. Bis heute lege ich meist mehrmals im Monat als Chiri Moya auf. Global Bass wäre wohl die am ehesten zutreffende Schublade, um meine Musikauswahl reinzuquetschen. Eigentlich ist das einzige Kriterium, dass ich Bock hab’, auf den Track zu tanzen. Egal wo auf der Welt er gebastelt wurde. Hauptsache er hat Pfupf!

Abschliessend gefragt: Du gestaltest regelmässig grosse Flächen, ganze Hausfassaden. Was hat es damit auf sich?

Mich reizt Grösse. Mein bisher grösstes Bild durfte ich in Atlanta G.A. malen: 110m lang und 20m hoch. Ich finde es extrem cool, Hebebühnen mit Lastwagen daran zu fahren und mit 6m langen Stangen vorzuzeichnen. Auch bin ich mir bewusst, dass ein Wandbild ein einschneidender Eingriff in die Umgebung ist und deshalb gebe ich alles, damit dieses für die Anwohner zu einer Bereicherung wird. Natürlich kann man es nie allen recht machen – allerdings bin ich überzeugt, dass Bilder einen wesentlich stärkeren Denkimpuls vermitteln als die oft grauen Fassaden unserer urbanen Räume.

Und so sieht Grain de Folie jetzt aus:

TIKA – Impressionen (noch mehr Bilder gibt’s hier):

Alle Bilder: Copyright Maja Hürst / TIKA

Und als Dreingabe hat uns Maja noch dieses Wandgemälde an die bis dato doch sehr schäbige Garagen-Wand gezaubert:

 

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Comments
One Response to “Meet Maja Hürst / Grain de Folie”
  1. Esther Hürst (Tika's Mum) sagt:

    Super Artikel, Danke!

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