The Age of Testosteron

Ja, es klingt etwas provokant, die Ära des Testosterons auszurufen. Doch wem klar ist, in welche Schieflage das Geschlechterverhältnis in Asien und anderswo geraten ist, kann sich in etwa ausmalen, wie die Welt 2030 aussehen könnte. Das Bild einer von Testosteron triefenden Welt ist kein erfreuliches.

Bereits 1990 warnte der spätere Nobelpreistäger Amartya Sen in seinem Artikel „More than 100 Million women are missing“ vor einem Missverhältnis und dessen gesellschaftspolitischen Folgen. Die in Shanghai lebende US-Journalistin Mara Hvistendahl doppelte 2011 mit ihrem Buch „Unnatural Selection“ nach (das Buch ist 2013 unter dem Titel „Das Verschwinden der Frauen“ auf Deutsch erschienen).

Das natürliche Geschlechterverhältnis liegt normalerweise bei 105:100 Lebendgeburtend.h. auf 100 neugeborene Mädchen kommen 105 bis 106 Jungen. Mit der leicht erhöhten Zahl männlicher Neugeborener trägt die Natur der Tatsache Rechnung, dass diese durch ihre erhöhte Risikobereitschaft eher Gefahr laufen, vor der Geschlechtsreife aus dem Leben zu scheiden.

Die drei tödlichsten Worte? „It’s a girl“.

Allerdings wird der Natur aufgrund der Ultraschalltechnik bzw. der vorgeburtlichen Geschlechterselektion mittlerweile gehörig ins Handwerk gepfuscht. Hinzu kommen in vielen Ländern die vorsätzliche Tötung neugeborener Mädchen sowie die bewusste Vernachlässigung weiblicher Nachkommen, welche letztlich ebenfalls zum Tode führt. Dies hat den Begriff „Gendercide“ als finsteren Zwilling des ethnisch motivierten „Genozids“ geprägt.

In weiten Teilen Asiens, in Indien, im Kaukasus und auf dem Balkan sowie innerhalb bestimmter Bevölkerungsgruppen in den USA hat die vorgeburtliche Geschlechterselektion das Geschlechterverhältnis zu Ungunsten der Mädchen verschoben. Gemäss Hvistendahl erhöht sich  die Wahrscheinlichkeit einer vorgeburtlichen Geschlechterselektion trotz gesetzlicher Verbote mit jedem weiteren Kind, so dass das Geschlechterverhältnis bei Drittgeborenen zum Teil schwindelerregende Dimensionen à la 800:100 erreicht, wie der Mitgründer des „Invisible Girl Project„, Brad McEliya, in Südindien feststellen musste. In Indien sind Abtreibungen für Fachärzte offenbar eine wichtige Einnahmequelle, entsprechend hoch ist die Motivation für eine Umgehung des offiziellen Verbots.

Abgesehen von dem grossen Leid, das viele der betroffenen werdenden Mütter erfahren, liegen auch die persönlichen Folgen für die junge Männer auf der Hand: Viele von ihnen werden bei der Brautschau leer ausgehen. Dies wird spätestens dann zu einem Problem, wenn die erste Welle der im Rahmen flächendeckender vorgeburtlicher Geschlechterselektion geborenen Jungs sexuell aktiv wird. Dies dürfte zwischen 2020 bis 2030 der Fall sein. Bereits heute nehmen in Asien nicht nur Heiratsvermittlung mit Frauen aus umliegenden ärmeren Ländern, sondern auch Frauenhandel und Zwangsprostitution zu.

Machen wir Druck!

Kann uns hier in Europa egal sein? Ganz und gar nicht, denn es sind vor allem die gesellschaftspolitischen Folgen, die sich aus der persönlichen Situation der jungen Männer ergeben, welche unsere Alarmglocken schrillen lassen sollten: Wenn die  Demografie aus dem Gleichgewicht gerät, ist politische Instabilität vorprogrammiert. Und Heerscharen frustierter „Junghengste“ (man verzeihe den saloppen Ausdruck) werden den öffentliche Raum für junge Frauen ganz gewiss nicht sicherer machen.

Würden irgendwo auf diesem Planeten 160 Millionen lebende Menschen niedergemetzelt, dann hätte dies garantiert einen weltweiten Aufschrei und ein koordiniertes, rasches Eingreifen der Staatengemeinschaft zur Folge. Leider geht es beim Phänomen „Vorgeburtliche Geschlechterselektion“ um Menschen, die ihr Leben verlieren, bevor es überhaupt begonnen hat. Hinzu kommt, das diese Menschen Frauen sind – Menschen zweiter Klasse also, jedenfalls in vielen Gebieten wo die vorgeburtliche Selektion gang und gäbe ist.

Bisher ist es den politischen Akteuren nicht gelungen, diesem weltumspannenden demografischen Problem genügend Dringlichkeit zu verleihen, geschweige denn Ansätze für eine überzeugende Lösung zu formulieren. Wie so oft bleibt es Privaten überlassen, die Initative zu ergreifen – und Du kannst Sie gleich hier unterstützen!

 

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Comments
4 Responses to “The Age of Testosteron”
  1. Karin Frey sagt:

    THE AGE OF TESTOSTERON
    Super Beitrag! danke, weiter so!
    Check also out: http://www.gendap.org/index.html
    karin

  2. Anja Kyia Draeger sagt:

    find ich grossartig, diesen beitrag. darf ich das teilen?

    bisous à tous, a.

  3. Tanya sagt:

    danke dir. bei diesem beitrag friert es mich nur und macht wieder einmal so fassungslos….

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