Mauerblümchen?

In unserem Park wuchern nicht nur allerorten Brombeer-Nester, auch die Brennnessel (lat. urtica dioica) setzt sich prominent in Szene…  Obwohl diese zu den bekanntesten einheimischen Heilpflanzen gehört, fristet die als Unkraut verschriene Wildpflanze im allgemeinen doch eher ein Mauerblümchen-Dasein. Kaum zu glauben, dass sie diverse Autoren und Dichter zu Lobliedern inspirierte! Schon im Altertum besangen Catull, Horaz und Ovid die Qualitäten der Brennnessel und der griechische Naturphilosoph Phainias widmete ihr offenbar ein ganzes Buch. Der „Wasserdoktor“ und Priester Sebastian Kneipp schrieb später: « Die Brennessel ist die verachtetste unter den Pflanzen. Für den Kenner hat sie in der Tat den größten Wert ». Den deutschen  Psychiater, Lyriker und Verfasser des berühmt-berüchtigten Struwwel-Peter, Dr. Heinrich Hoffmann, bewegte die an Nährstoffen ungemein reiche, aber eben unscheinbare Brennnessel zu folgendem Gedicht:

« Brennessel, verkanntes Kräutlein, dich muß ich preisen.
dein herrlich Grün in bester Form baut Eisen,
Kalk, Kali, Phosphor, alle hohen Werte,
entsprießend aus dem Schoß der guten Mutter Erde.
Nach ihnen nur brauchst Du Dich hinzubücken,
die Sprossen für des Leibes Wohl zu pflücken,
als Saft, Gemüse oder Tee sie zu genießen,
das, was umsonst gedeiht in Wald, auf Pfad und Wiesen,
selbst in noch dürft’ger Großstadt nahe dir am Wegesrande,
nimm’s hin, was rein und unverfälsch die gütige Natur
dir heilsam liebend schenkt auf ihrer Segensspur!
»
Kräuter-Küche
In der Tat enthalten Brennnesseln viel Eisen, Vitamin C (angeblich doppelt soviel wie die Zitrone!), Vitamin A, B- Vitamine, Vitamin E, Kalzium, Kalium, Magnesium, Kieselsäure, Spurenelemente, Chlorophyll, Carotiniode, Flavonoide. Früher, als die Speisekarte in den kalten Wintermonaten arg reduziert war, wurde das erste wilde Kräutergrün heiss ersehnt, denn es lieferte frische, lebenswichtige Nahrung im Überfluss. Am 1. Januar ass man Brennnesselkuchen, um sich ein gutes Jahr zu sichern, am 21. Juni (Johannistag) Brennnessel-Pfannkuchen, um gegen Nixen- und Elfenzauber gefeit zu sein. Die Brennnessel gehörte traditionsgemäss in die Gründonnerstagsspeisen. Die moderne Kräuterkäuche hat die Brennnessel aufgrund ihrer Fülle an Vitalstoffen und wegen ihres delikaten Geschmackes zu Recht wieder neu entdeckt (Rezept für Brennessel-Suppe z.B. hier: http://www.swissmilk.ch/de/rezepte/BK_FB1999_034/brennesselsuppe.html).
Heilwirkung

Die auch unter den Namen Gichtrute oder Teufelskraut bekannte Brennnessel hat zahlreiche medizinische sowie andere  Anwendungsgebiete. Wissenschaftlich erwiesen ist, dass die Brennnessel Arthrose, Arthritis, Prostatabeschwerden und Blasenprobleme lindert sowie entzündliche Darmerkrankungen positiv beeinflussen kann. Die Samen der Brennnessel wirken als Vitalitätstonikum gegen Haarausfall und in Form der sogenannten Brennnesseljauche ersetzt die Pflanze Kunstdünger und Pestizide. Die Kräuterbücher des Mittelalters erwähnen ihre Heilwirkungen ausführlich. Angebaut wurde sie vor allem von den Benediktinermönchen und -nonnen, welche die antiken Bücher übersetzten und neu verfassten. Damals verwendete man sie sogar, um Krankheitsprognosen abzugeben: Brennesseln wurden über Nacht in den Urin des Kranken gelegt. Waren sie am nächsten morgen noch frisch und grün, so würde der Kranke bald gesunden, glaubte man. War sie hingegen welk und fahl, blieb das Schlimmste zu befürchten…

Wie andere Pflanzen mit „magischen“ Kräften fand die Brennessel Eingang in die Märchen- und Sagenwelt. Am bekanntesten dürfte in diesem Zusammenhang Hans Christian Andersens Märchen „Die wilden Schwäne“ sein. In den indogermanischen Mythen symbolisiert die Schwanengestalt das Hinaustreten, die Loslösung von der materiellen Erde und ihrer Gesetze. Die Brennnessel aber, hier als Hemd das Herz beschützend, vermittelt die Eisenkraft, welche die Seele ermächtigt, das Erdenkarma auszuleben. Seit Urzeiten ist es die Göttin, die in Gestalt der Freya, Athene, Minerva oder der Nornen mit der Spindel bzw. dem Spinnrad das Schicksal der Menschen und Götter spinnt (Quelle).

Die Brennnessel spielt auch in Victor Hugos Erzählung „Les Misérables“ eine Rolle: « Un jour il voyait des gens du pays très occupés à arracher des orties. Il regarda ce tas de plantes déracinées et déjà desséchées, et dit : – C’est mort. Cela serait pourtant bon si l’on savait s’en servir. Quand l’ortie est jeune, la feuille est un légume excellent ; quand elle vieillit, elle a des filaments et des fibres comme le chanvre et le lin. La toile d’ortie vaut la toile de chanvre. Hachée, l’ortie est bonne pour la volaille ; broyée, elle est bonne pour les bêtes à cornes. La graine de l’ortie mêlée au fourrage donne du luisant au poil des animaux ; la racine mêlée au sel produit une belle couleur jaune. C’est du reste un excellent foin qu’on peut faucher deux fois. Et que faut-il à l’ortie ? Peu de terre, nul soin, nulle culture. Seulement la graine tombe à mesure qu’elle mûrit, et est difficile à récolter. Voilà tout. Avec quelque peine qu’on prendrait, l’ortie serait utile ; on la néglige, elle devient nuisible. Alors on la tue. Que d’hommes ressemblent à l’ortie ! – Il ajouta après un silence : Mes amis, retenez ceci, il n’y a ni mauvaises herbes, ni mauvais hommes. Il n’y a que de mauvais cultivateurs. » (Extrait de Victor Hugo, Les Misérables, 1862. Première partie : Fantine, Livre V : La descente, Chapitre 3 : Sommes déposées chez Lafitte). In der Folge lehrt der Romanheld die armen Leute, die bis dahin als Unkraut angesehene Brennnessel zu nutzen.

By the way…
Admiral01Aglais urticae qtl3Die Brennnessel wurde auch in der Textilindustrie als Färbepflanze – Farbtöne von gelb bis grün, auch Ostereier gelb einfärben soll mit ihr möglich sein – und für die Produktion sogenannter Nesselstoffe eingesetzt. Für die Schmetterlinge ist sie von grosser Bedeutsamkeit: Für viele Raupen ist sie eine wichtige Futterpflanze – für manche Arten wie den Admiral oder etwa den kleinen Fuchs (lat. aglais urticae) sogar die einzige!
Wer mehr über die Brennnessel und deren politische (ja wirklich!) Dimension erfahren möchte: http://www.arte.tv/de/brennnessel-die-ungeliebte-pflanze/3212328,CmC=3223042.html. Den ganzen Dokfilm „Brennnessel, die ungeliebte Pflanze“ findest Du hier: http://www.youtube.com/watch?v=js8LGDSRGZk#t=446. Weiterführend und abschliessend noch dieser Link: http://www.gopetition.com/petition/39757.html.
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